Was ist das Besondere an den Ereignissen um Hainburg?
Die Besetzung der Hainburger-Au im Winter 1984/85 war vor allem
emotional für viele Menschen die Geburt der Umweltbewegung in
Österreich. Nicht nur die verschiedenen Wurzeln der grünen Partei, sondern viele verschiedene
Organisationen und NGOs gingen daraus hervor oder wuchsen dort zu einer ernstzunehmenden Größe und Kraft.
Mehrere tausend Menschen aus allen politischen Lagern und gesellschaftlichen Schichten standen in der
Hainburger-Au nicht nur für den Schutz der Au ein, sondern allgemein für eine andere Denk- und Lebensweise im
Umgang mit der Natur sowie mehr Demokratie.
Wer hat die Besetzung der Hainburger Au organisiert?
Im Grunde Menschen aus allen politischen Lagern und sozialen Schichten
rund um die "Aktionsgemeinschaft gegen das Kraftwerk Hainburg",
einem Zusammenschluss von 20 verschiedenen Bürgerinitiativen und
Umweltorganisationen. Ursprünglich von einigen AktivistInnen nach dem
Sternmarsch am 8. Dezember und der Blockade der Rodungsarbeiten am 12.
Dezember 1984 begonnen, bekam die Besetzung schließlich eine Eigendynamik.
Mit jeder polizeilichen Räumung stieg die Zahl der Besetzer an.
Zusätzlich mobilisierten und organisierten schließlich vor allem die
Österreichische Hochschülerschaft (ÖH) sowie Proponenten und
Bürgerinitiativen rund um das "Konrad-Lorenz-Volksbegehren" viele
unterschiedliche Menschen aus allen sozialen Schichten und Altersgruppen.
Wer waren die "Prominenten" in der Au?
Bekannteste Prominente und Galionsfiguren waren u.a. Freda Meissner Blau
(ursprünglich SPÖ, schließlich Gründungsmitglied der "Grünen"), der
Journalist, Club2-Moderator und damalige Vorsitzende der
Journalistengewerkschaft Dr.Dr. Günther Nenning (SPÖ), der Abgeordnete
Josef Cap (SPÖ), Othmar Karas (ÖVP), der Wiener Stadtrat Jörg Mauthe
(ÖVP); der Humanökologe Prof. Bernd Lötsch (heute Direktor des
Naturhistorischen Museums) sowie eine große Zahl an Künstlern und
Schriftstellern wie Peter Turrini, Friedensreich Hundertwasser, Andre
Heller und Arik Brauer. Weitere Informationen finden Sie hier...
Wie lange hat die Besetzung der Hainburger Au gedauert?
Im wesentlichen von der ersten Blockade der Rodungsarbeiten am
12. Dezember 1984 bis zur Aufhebung des Wasserrechtsbescheides durch den
Verwaltungsgerichtshof am 2. Januar 1985. Den Höhepunkt erreichte die
Au-Besetzung nach dem brutalen Polizeieinsatz am 19.12.1984 mit etwa 7.000 BesetzerInnen bis zur Ausrufung des Weihnachtsfriedens durch Bundeskanzler Fred Sinowatz am 21.12.1984.
Warum wurde die Hainburger AU besetzt?
Die letzte intakte und schönste Au-Landschaft Österreichs sollte einem
Mega-Kraftwerksprojekt weichen. Doch dies war wohl nicht der einzige
Grund. Ein aufkommendes Bewusstsein für den Stellenwert der Natur an
sich und ein gestiegenes Demokratiebewusstsein stießen frontal gegen
eine von den führenden gesellschaftlichen Kräften wie Regierung,
Wirtschaft und Sozialpartnern vertretene rein quantitativ orientierte
Wachstumslogik und Technologiegläubigkeit: "Der Geist von Hainburg ist
der Geist von Naturverbundenheit, Gewaltlosigkeit und Solidarität. (...)
Solidarität nicht nur mit den Mitmenschen, sondern auch den
Mitgeschöpfen, ganz im Sinne einer ökologischen Ethik, wie sie in der
berühmten Rede des Indianerhäuptlings Seatlle zum Ausdruck kommt (...)" (Au-Schützer Univ.-Doz. Dr. Peter Weish).
Im Gegensatz dazu "Die Schutzwürdigkeit von Kröten, Fröschen und Restbeständen von Neandertalern, Kriech- und
Weichtieren steht in keiner vernünftigen Relation zum wirtschaftlichen
Nutzen." (Walter Fremuth, damaliger Generaldirektor der Österreichischen
Elektrizitätswirtschafts AG)
Warum konnte das Kraftwerk letztlich verhindert werden?
Anfänglich durch den Einsatz einiger weniger, schließlich durch den Mut
der vielen Au-Besetzer, durch prominente "Dissidenten" aus allen großen
politischen Lagern, eine aufkommende Massenbewegung für den Umweltschutz
mit – letztendlich – Unterstützung der Massenmedien. Aber auch durch
eine damals wohl doch im letzten Moment am gesellschaftlichen Konsens
statt am Konflikt orientierte politische Tradition in Österreich.
(Vergleichbare Auseinadersetzungen z.B. in Deutschland wie um die
"Startbahn West" in Frankfurt oder verschiedene Atomanlagen wie Brokdorf oder Gorleben gingen trotz noch wesentlich härterer Auseinandersetzungen letztlich dort gegen den Umweltschutz aus).
Wo liegt die Hainburger-Au und was ist daraus geworden?
Die Hainburger-Au, eigentlich "Stopfenreuther-Au", liegt von Wien etwa
30 km die Donau stromabwärts zwischen der kleinen Gemeinde Stopfenreuth
(NÖ) und der Donau nahe Bad Deutsch Altenburg und Hainburg, kurz vor der
slowakischen Grenze. Seit 1997 ist sie endlich Teil des Nationalparks
March-Donauauen.
Welche politischen Kräfte standen sich in diesem Konflikt gegenüber?
Befürworter des Kraftwerkbaues waren die Sozialpartner (Gewerkschaften
und Bundeswirtschaftskammer), die damalige Regierung (SPÖ-FPÖ-Koalition
unter Bundeskanzler Fred Sinowatz und Vizekanzler Norbert Steger), aber
im Wesentlichen auch die Opposition (ÖVP unter Alois Mock) und die
Niederösterreichische Landesregierung (unter Siegfried Ludwig). Daneben
natürlich die Verbundgesellschaft (Walter Fremuth) bzw. deren Tochter
Donaukraftwerke (DoKW) und die Bauwirtschaft sowie die Elektroindustrie.
Gegner des Kraftwerksbaus kamen – neben Wissenschaftlern und Künstlern –
ebenso aus allen Lagern wie die Befürworter, wie auch an den
Galionsfiguren der Bewegung (Nenning SPÖ, Mauthe ÖVP, Cap SPÖ, Karas
ÖVP) sichtbar ist. Auch bei den Demonstrationen gegen das Kraftwerk
reichte das Spektrum der Teilnehmer durch alle Schichten, Altersklassen
und Lager.
Es war also kein Konflikt zwischen Links und Rechts, sondern von
"Umweltschützern" und Grünbewegten gegenüber den – wie es damals hieß
"Betonierern", der Konflikt zog sich quer durch die politischen Lager.
Gibt es noch andere Online-Archive?
Den Anspruch, als umfassende Hainburg-Dokumentation zu fungieren, stellt nur http://www.hainburg20.at
Sollten Sie eigene Erinnerungen und Stellungnahmen abgeben wollen, oder sich für solche interessieren,
so tun Sie dies bitte hier... bei "Neuer Eintrag".
|